Presse

Zwiebeln sind zum Heulen da

Stuttgarter Nachrichten (2008-09-04)

Nicht nur vor der Kamera bietet die Filmbranche zahlreiche Berufsmöglichkeiten – Zwei Jungfilmer erzählen.

Wer „irgendwas beim Film“ werden möchte, hat meistens die Schauspielerei im Kopf. Dabei zeigt der lange Abspann jedes Kinofilms, dass es vom Drehbuchautor über den Oberbeleuchter bis hin zum Geräuschemacher zahllose weitere Berufsmöglichkeiten im Umfeld der Kamera gibt. Die Stuttgarter Nachwuchsfilmer Volker und Andreas Kintzinger erklären beim Dreh ihres neuen Projekts „Paula“, was von der Idee bis zur Premiere alles hinter der Filmkulisse passiert.

Die Idee

Ob ein Kinofilm von den Zuschauern als „gut“ oder „schlecht“ beurteilt wird, hängt entscheidend vom Drehbuch ab. Aus einer schlechten Geschichte wird sich selten ein guter Film entwickeln, da können die Schauspieler noch so brillant sein. „,Paula‘ sollte nach unseren letzten Projekten über Krieg, Leid und Schmerz eine Komödiemit Happy End werden“, sagt Andreas Kintzinger. Der 23-Jährige ist als Produzent für die Organisation des kompletten Films zuständig. Der Stuttgarter Softwaretechnik-Student hat auch die Geschichte mit ausgewählt, die vom Produktionspraktikanten Jochen Köberle stammt. Andreas’ Bruder Volker (21) ist Regisseur und hat daraus dann das Drehbuch geschrieben. Kurz zusammengefasst geht es in „Paula“ laut Andreas um Folgendes: „Der Gitarrist Jimmy möchte als Musiker berühmt werden. Dazu braucht er erst einmal eine teure Gitarre und für diese einen Nebenjob. Über Musik und Arbeit beginnt er, seine Freundin Sophie und seinen Freundeskreis zu vernachlässigen. Eine Entscheidung muss her.“

Die Drehorte

Das Drehbuch unterscheidet sich von der reinen Geschichte unter anderem darin, dass die Drehorte genauer beschrieben werden. Für „Paula“ beispielsweise beschreibt der Autor für eine Szene eine teuere Wohnung mit riesigen Fenstern, für eine andere ein versifftes Kellerloch. „Mit diesen Anweisungen haben wir sogenannte Location- Scouts auf die Suche durch Stuttgart geschickt“, sagt Andreas. Drehortsucher brauchen gute Ortskenntnisse, ein Auge für Licht und Ästhetik und Überzeugungskraft. Denn egal ob in Privatwohnungen in Heumaden oder in Clubs auf der Theodor- Heuss-Straße: Es ist nicht immer einfach, eine Drehgenehmigung zu bekommen.

Die Finanzierung

Ohne ein gewisses Startkapital kann man mit der Umsetzung nicht anfangen. „Wir haben privat etwa 2000 Euro vorgeschossen, vor allem das Ausleihen der Technik ist sehr teuer“, sagt Andreas. Sponsoren haben sie nur für Essen und Getränke. Deswegen werden die Brüder den Film bei verschiedenen Filmfestivals einreichen, in der Hoffnung, dass er gut ankommt. „Wenn wir gewinnen, können dabei schon mal 5 000 Euro rausspringen“, sagt Andreas und fügt lachend hinzu: „Damit wären auch gleich die nächsten Filme finanziert.“

Das Casting

Rund 40 Leute vom Beleuchter bis zur Maske sind für „Paula“ im Einsatz. „Einige kannten wir bereits von früheren Projekten, oder sie kommen aus unserem Freundeskreis, aber gerade die drei Hauptdarsteller haben wir richtig gecastet“, sagt Andreas. Die Rollen haben sie unter anderem im Internet ausgeschrieben – und so auch den Hauptdarsteller für Jimmy gefunden. „Peter Volksdorf studiert seit einem Jahr Schauspiel in Frankfurt, auch die anderen Hauptdarsteller haben bereits Erfahrung gesammelt, Natascha Kuch etwa in einer ARD-Produktion.“ Bei der Auswahl muss der Regisseur nicht nur darauf achten, für jede einzelne Rolle den geeigneten Schauspieler zu finden, sondern auch, dass das Team gut zusammenpasst. Besonders wenn der Film wie „Paula“ ganz wesentlich von einer Liebesgeschichte geprägt wird, sollte sich das Paar zumindest ein wenig sympathisch sein und auch optisch harmonieren. Und so ist auch der Casting-Agent, der sich eine Kartei mit Schauspielern und Komparsen aufbaut, auf die Filmteams gegen eine Gage zugreifen können, eine Berufsmöglichkeit.

Der Dreh

Nach monatelangen Vorbereitungen ist die eigentliche Drehzeit mit zwei Wochen recht kurz – aber intensiv. „Das geht schon mal von frühmorgens bis in die Nacht hinein“, sagt Andreas. Und wenn die Nacht schneller vorbei ist als die dort zu drehende Szene, dann müssen die Beleuchter den Tag zur Nacht machen. Für den Produzenten beginnt nun die Zeit des „ganz normalen Chaos“. Egal, ob die Gitarre zu spät geliefert wird oder im Club für den Partydreh einfach niemand wie verabredet auftaucht, um die Tür aufzuschließen – Andreas muss Ruhe bewahren und sich Alternativen überlegen. Das ist auf offener Straße mit neugierigen Passanten nicht immer einfach. Regisseur und Cutter Volker überprüft während derDreharbeiten laufend Bild- und Tonmaterial. Wenn unerwünschte Hintergrundgeräusche zu hören sind oder trotz Zwiebeleinsatzes nicht genug Tränen fließen, muss die Szene erneut gedreht werden. Da der Drehplan nicht in der Reihenfolge des Drehbuchs vorgeht, sondern nach den Schauplätzen und den benötigten Schauspielern, gehört es außerdem zur Aufgabe des Cutters, die Filmszenen in die richtige Reihenfolge zu bringen und die Länge zu bestimmen.

Die Premiere

Ende des Jahres wollen die Kintzinger-Brüder „Paula“ fertig geschnitten haben. Erst bei der Premiere wird sich zeigen, ob der Film auch in den Köpfen der Zuschauer funktioniert.